Was ich nicht sah

Einmal, da ging ich die Strasse entlang. Wie so oft. Auf dem Weg irgendwohin. Ein Fuß vor den anderen. Links parkten all diese vielen Autos, rechts waren Häuser und Hauseingänge, und Schaufenster von Geschäften und Cafés. Ich ging Richtung Süden. Die Luft war frisch. Ein bisschen wie Frühling. Dabei war es nicht Frühling.

Ich ging also diese Strasse entlang und sah den Menschen zu, wie sie in die Hauseingänge gingen, wie sie aus den Fenstern guckten, wie sie im Café Kaffee tranken oder in den Geschäften nach irgendetwas suchten, was sie eventuell gebrauchen konnten. Etwas Schönem vielleicht oder etwas Praktischem.  Ich war nur auf dem Weg irgendwohin.

In der Ferne sah ich eine Frau, die einen kleinen Hund an der Leine führte. Dieser Hund wollte aber nicht geführt werden. Er saß am Rand des Gehweges. Stur, aber bestimmt. Die Frau redete auf den Hund ein. Sie schimpfte und flötete abwechselnd, versuchte ihn zu überzeugen. Er sollte ins Auto einsteigen und mit ihr irgendwohin fahren. Aber der Hund wollte nicht. Er wollte nicht gehen, und schon gar nicht irgendwohin fahren. Der Hund sah mich an. Ich verlangsamte meinen Schritt. In seinem Blick stand alles geschrieben.

Dieser kleine Hund wollte nicht bei der Frau bleiben. Obwohl es eine nette Frau war, die ihn immer gut behandelte. Sie bemühte sich sehr nach allen Regeln der Kunst. Sie liebte diesen Hund. Aber eins tat sie nicht. Sie sah ihn nicht, sie erkannte ihn nicht. Sie behandelte ihn wie einen kleinen Hund, aber das war er nicht. Nicht im Inneren, nicht in seinem Herzen. Der kleine Hund, der da auf dem Gehweg saß und sich so stur weigerte auch nur einen Schritt zu machen, war in Wirklichkeit ein Fuchs.

Ich näherte mich den beiden. Die Frau stand mit dem Rücken zu mir, der kleine Fuchs blickte mir direkt in die Augen. Ich wollte ebensowenig weitergehen wie er. Also blieb ich stehen, und tat so als würde ich etwas in meiner Tasche suchen.

Dieser Fuchs, der im Körper eines kleinen niedlichen Hundes steckte, wollte nicht bei der Frau bleiben. Der schlaue Fuchs erkannte, dass die nette Frau einen Hund brauchte, der glücklich war ab und zu auf ihrem Schoss zu sitzen, oder auf ihrem Sofa. Der glücklich war durch den Stadtpark zu spazieren. Dem die kleinen Pasteten schmeckten. Aber er war eben kein Hund. Er wusste, dass er sie nicht glücklich machen könnte, weil er das alles nicht wollte.

So standen wir nun alle drei da rum. Auf dieser Strasse. Keiner ging irgendwohin. Und ich fragte mich, was ich tun sollte. Es wäre absurd der Frau zu sagen, dass der Hund, den sie da an der Leine hatte, kein Hund wäre. Er sah ja aus wie einer. Es wäre absurd, ihr zu sagen, dass er nicht mehr bei ihr bleiben wollte. Er wäre absurd, den Fuchs, der aussah wie ein Hund, einfach mitzunehmen.

Aber, wäre es nicht auch richtig? Nach alldem was ich wusste? Über dieses Tier und was es wollte?

Ich schloss meine Augen. Und dann sah ich mich, wie ich zu der Frau und ihrem Hund ging, der ja kein Hund war. Ich sah mich, wie ich die Leine vom Halsband abmachte, wie ich mit der Frau sprach und sie nickte. Ich sah mich, wie ich weiter ging und wie der kleine Fuchs, der aussah wie ein Hund, mir folgte. Der Frau rannen zwei Tränen über die Wange, aber gleichzeitig lächelte sie. Wir beide, der Fuchs und ich, gingen die Strasse entlang. Mein Weg irgendwohin änderte sein Ziel. Wir gingen zum Bahnhof, stiegen in den nächsten Zug, fuhren an den Stadtrand und suchten nach einem Wald. Da gingen wir spazieren. Oder besser gesagt, ich ging spazieren, mein neuer Gefährte streifte durchs Gebüsch. Ab und zu kam er zurück zu mir. Er war frei und ich hatte einen Gefährten.

Als ich meine Augen wieder öffnete, da saß der kleine Fuchs, der aussah wie ein Hund, immer noch auf dem Gehweg und weigerte sich zu gehen. Und plötzlich erkannte ich, dass auch ich nicht sah was er wirklich war. Ich erschrak. Und schämte mich. Die Frau drehte sich um und sah mich fragend an. Was hätte ich sagen sollen? Ich wusste es nicht besser als sie, also ging ich weiter.
Ich ließ die Füchsin zurück, die nun endlich nachgab und mit der Frau in das Auto stieg.