Irgendjemand

Es gibt da eine Geschichte, die mir von vielen Leuten viele Jahre lang erzählt wurde. Ich war noch klein als ich sie das erste Mal hörte. Ein kleines Kind. Ich weiß noch ganz genau, wie sie es mir erzählten und lauschte begierig auf alles was von den Großen kam.

Diese Geschichte hörte ich immer wieder. Von jedem und jeder Bewohnerin unserer Strasse. Die Leute erzählten sie sich, wenn sie sich zufällig über den Weg liefen. Oder an der Kasse im Einkaufsladen. Die Kinder erzählten sie sich in den Treppenhäusern und an den Bushaltestellen. Manchmal imitierten sie die Stimmen der Großen, um erwachsen zu klingen. Und wichtig.

Als ich klein war, verstand ich noch nicht, worum es eigentlich ging, in dieser Geschichte.  

Es gab einen Menschen, keiner wusste wie alt, es gab diesen Menschen in seiner Wohnung, in seinem Haus, in unserer Strasse, der nie, nie, niemals vor die Tür ging. Nie hat ihn jemand gesehen. Nie ist ihm jemand begegnet. Aber es gab diesen Menschen, da waren sich alle einig. Da war jemand, der nie dem Leben begegnete, das ich kannte und so liebte. Das Leben in unserer Strasse.

Es war eine ganz normale Strasse, wie es viele Strassen gibt in den Städten dieser Welt. Mit Häusern und Gehwegen, mit Bäumen und Asphalt auf dem die Autos fahren. Manchmal auch Fahrräder. In den Häusern wohnten Männer und Frauen, die Kinder hatten. Und Kinder, die mal Männer und Frauen werden wollten. Und Großmütter und Großväter. Einige waren alt, andere sehr alt. Da gab es zum Beispiel die Oma vom lautesten Kind der Strasse, die uns immer mit Bonbons versorgte. Sie war eine der Ältesten und konnte nur noch am Fenster sitzen und uns die Bonbons auf die Strasse werfen. Alle kannten die Oma des lautesten Kindes und liebten sie, weil sie so gütig war, so milde und immer lachte. Sie war die Einzige, die diese Geschichte nicht erzählte. Niemand hatte sie je darüber reden hören, und weil sie so alt und so weise war, und uns die leckersten Bonbons gab, traute sich auch keiner sie danach zu fragen. Auch die mutigsten Kinder wagten es nicht. Und das lauteste Kind unserer Strasse wurde leise.

Man wusste nicht viel über den Menschen, der sein Haus nicht verließ. Ob es ein Mann oder eine Frau war, darüber waren sich die anderen nicht einig. Die Jungs und die Männer erzählten immer, dass es ein alter Mann war, der zu wütend war, um vor die Tür zu gehen. Niemand wusste was ihn so wütend gemacht hatte, aber alle waren sich sicher, dass man vor seiner Wut Angst haben sollte. Sie war so groß, dass er den nächstbesten, der ihm über den Weg lief, umbringen würde. Und weil der alte Mann das wusste und niemanden umbringen wollte, ging er gar nicht erst vor die Tür. Die Mädchen und Frauen erzählten, dass es eine Frau war, die nie vor die Tür trat, und auch nie durch das Fenster blickte oder die Gardinen zur Seite zog. Man erzählte sich, dass diese Frau die Einsamkeit liebte und niemanden brauchte, um glücklich zu sein. Deshalb ging sie nicht vor die Tür, deshalb sah man sie nie. Aber alle glaubte, sie säße da drinnen auf ihrem Stuhl in der Küche, oder auf ihrem Sofa im Wohnzimmer und sei die glücklichste Frau der Welt. So unabhängig.

Über all die Jahre, die ich diese Geschichten hörte, dachte ich abwechselnd an die Frau und an den alten Mann. Immer, wenn ich zur Schule ging und am Haus vorbei kam. Auch später noch als ich nicht mehr zur Schule ging, sondern zur Arbeit. Auch dann noch als ich meine Kinder zur Schule brachte und jeden Tag an diesem Haus vorbei kam. Mittlerweile wohnten nur ein paar wenige Leute in unserer Strasse, die ich kannte. Bald gab es niemanden mehr, der diese Geschichte erzählte. Ich erzählte sie nie.

Eines Tages. Es war ein früher Morgen und ich hatte heute keine Lust meiner Kinder erst in die Schule zu bringen, um dann zur Arbeit zu gehen und dort die Dinge zu tun, die ich jeden Tag tat. An diesem Tag stand ich auf und ging hinunter auf die Strasse. Ich blieb vor dem Haus stehen, vor der Tür, die sich bisher nie geöffnet hat. Es gab eine Klingel, aber kein Schild. Nach all den Jahren glaubte ich die Geschichten immer noch. Wenn dort wirklich der wütende Mann wohnte, dann wollte ich wissen, was ihn so wütend gemacht hat, dass er das Leben hier auf der Strasse, unserer Strasse nicht leben wollte. Und wenn dort wirklich die glückliche Frau wohnen sollte, dann wollte ich wissen, wie es sein konnte, dass sie allein so glücklich war. Ich stand also vor der Tür und betrachtete die Klingel, die wahrscheinlich noch nie jemand benutzt hatte. Ich drückte den Knopf und wartete. Nichts passierte. Ich zögerte und wusste nicht, ob ich ein zweites Mal klingeln sollte. Noch bevor ich den Mut aufbringen konnte, öffnete sich die Tür.

Und da blickte ich in mein Gesicht. Ich sah meine Wut und meine Einsamkeit. Aber ich sah auch mein Glück. Ich sah mich. Nach all diesen Jahren fand ich mich. An diesem frühen Morgen, dort in unserer Strasse.