DER ANFANG

Wir alle wissen, dass alles einen Anfang hat. Vielleicht glauben wir auch nur, dass wir es wüssten? Aber beginnt nicht der Tag dann, wenn die Sonne aufgeht? Und das Wollknäuel dort, wo der Faden seinen Anfang hat? Also eigentlich ja dann am Ende, wenn wir die ganze Wolle aufgestrickt haben. Wir erinnern uns, dass wir einmal mit dem A angefangen haben, das Alphabet zu lernen. Und mit dem Alphabet konnten wir dann lesen und schreiben lernen. Das A ist also der Anfang von jeder Geschichte, die wir heute lesen. Oder auch schreiben. Anfangen fängt ja auch mit A an.


Aber - gibt es nicht auch immer etwas davor? Vor dem A oder vor dem Sonnenaufgang? Selbst der Wollfaden wurde ja eigentlich nur abgeschnitten, damit man eben dieses Wollknäuel aufwickeln konnte. Der Wollfaden aus dem deine Socken gestrickt sind, ist eigentlich unendlich lang. Und vielleicht sind ja deine Socken und meine Socken aus dem selben Faden gestrickt und gehören zusammen?

Ich kenne da eine Geschichte von einem Mädchen, das unbedingt herausfinden wollte wo der Anfang der Welt ist. Mit dieser Frage wurde sie bereits geboren, aber erst als sie alt genug war, um der Welt eben diese Frage zu stellen, machte sie sich auf die Suche.

 

Als allererstes schaute sie unter ihrem Bett nach. Manchmal findet man dort  ja Dinge, die man Jahrtausende gesucht hat. Und obwohl man schon mindestens einhundert Mal unter dem Bett nachgeschaut hat, findet man das Gesuchte dann dort beim einhundertersten Mal. Vielleicht befindet sich unter dem Bett also auch der Anfang der Welt? Aber nachdem das Mädchen mindestens 353 mal unter ihrem Bett nachgeschaut hatte und immer wieder keine Antwort fand, hörte sie endlich auf ihre innere Stimme, die ihr riet woanders weiter zu suchen. Sie suchte also ihr ganzes Zimmer ab. Auch unter der Bettdecke. Die kuschelige warme weiche Decke, in die sie sich jeden Abend hinein kuschelte, gab aber das Geheimnis vom Anfang der Welt nicht preis. Das Mädchen suchte weiter im Schrank, und in allen Schubladen, in allen Taschen, auch in denen, die zu ihren Hosen und Röcken gehörten. Sie suchte in den Büchern, schaute im Schmuckkästchen nach und in der Spardose. Das was sie fand, war immer wieder überraschend und schön. Es waren kleine Dinge und Große. In einer Hosentasche fand das Mädchen ihre Lieblingsspange, von der sie glaubte, sie verloren zu haben. In der Spardose fand sie ein Geldstück, das sie nicht kannte und gar nicht wusste, wie es dort hinein gelangt war. Auf der Münze war ein Kolibri zu sehen. Sie kannte den Kolibri, weil er sie oft in ihren Träumen besucht hatte. Das Geldstück kam von weit her. Aus einem anderen Teil der Erde, von einem anderen Kontinent. Aber leider nicht vom Anfang der Welt.
 

In den Büchern fand das Mädchen die schönsten Geschichten, aber keine erzählte ihr vom Anfang der Welt. Das kleine Mädchen gab aber nicht auf. Sie wurde nicht müde zu suchen, auch wenn sie bald eine Pause brauchte. Die Suche war anstrengend, ganz besonders weil sie bisher noch keine Antwort parat hielt. Also setzte sich das Mädchen ans Fenster. I
Dort stand ein Sessel mit einem goldgelben Kissen. Das war ihr Lieblingsplatz. Hier saß sie oft und schaute hinaus in den Himmel, so wie jetzt auch. Der Himmel war so wunderbar weich und blau. Wenn sie doch nur Flügel hätte wie ein Vogel, dann könnte sie  hinauf fliegen, zu den Wolken und nach dem Anfang der Welt fragen. Vielleicht würde der Wind ihr erzählen wie alles begann, oder die Sonne? Die Sonne war doch schon immer da. Sie müsste es eigentlich wissen. Aber wie sollte das Mädchen hoch hinauf zur Sonne gelangen? Und selbst wenn, die Sonne würde sie erst blenden und dann verbrennen. I
Plötzlich kam dem Mädchen eine Idee. Wenn sie schon nicht nach oben in den Himmel fliegen konnte, dann würde sie wenigstens die Erde hier unten befragen. Sie lief hinaus in den Garten. Sie zog ihre Schuhe und Strümpfe aus und spürte die Erde unter den Fußsohlen. Das Mädchen konzentrierte sich sehr und versuchte sich ganz und gar mit dem Boden von Mutter Erde zu verbinden. Aber die Ungeduld war zu groß. Also legte sie sich auf den Bauch und hielt ihr Ohr an die Stelle, wo eben noch die Füße gestanden haben. Das kleine Mädchen schloss ihre Augen und hörte ganz aufmerksam zu. Und wisst ihr was sie hörte?


Sie hörte die Regenwürmer, die sich durch das Erdreich gruben. Sie hörte die Igel, die über das Laub dahin huschten. Und sie hörte sogar die Vögel, die ihre Liebeslieder sangen. Aber den Anfang der Welt, den hörte sie nicht.
Traurig stand sie wieder auf und wusste nicht so recht wo sie noch suchen sollte. Da kam ein kleines Eichhörnchen vorbei gehuscht. Es war wunderschön und rotbraun, mit einem buschigen Schwanz. Das Eichhörnchen bliebt nicht weit von dem Mädchen stehen und schaute sie auffordernd an. Als das Mädchen einen Schritt auf das kleine Tier zumachte, sprang es auf den nächsten Baum und jagte hinauf in den Baumwipfel. Von oben blickte es hinunter und wartete ab. So standen die beiden sich gegenüber und keiner bewegte sich, weil der Moment dann sein Ende gefunden hätte. Das Eichhörnchen und das Mädchen würden heute noch so dastehen, wenn nicht die Mutter des Mädchens irgendwann nach ihr gerufen hätte.

Der Tag näherte sich dem Ende. Die Sonne verabschiedete sich und der Himmel bereite sich auf einen Kleiderwechsel vor. Das kleine Mädchen folgte dem Ruf der Mutter, aber nicht ohne sich vorher mit dem Eichhörnchen für den nächsten Tag zu verabreden. Dafür brauchten sie keine Worte, noch nicht einmal Blickkontakt. Es war eine Verabredung wie sie nur die reinsten Seelen miteinander treffen können. Dann ging das Mädchen zurück ins Haus und als sie dort bei ihrer Mutter am Küchentisch saß, da wusste sie plötzlich, dass hier die Antwort zu finden war auf ihre Frage.

 

Das kleine Mädchen mit der großen Frage wartete noch einen kleinen Augenblick - und als die Mutter sich neben sie setzte und ihr tief in die Augen sah, da stellte das Mädchen die Frage nach dem Anfang der Welt. Und wisst ihr, alle Mütter haben eine Antwort auf diese Frage, aber jede hat eine andere.
Die Mutter des Mädchens sagte zu ihr: „Den Anfang der Welt findest du in deinem Namen, Lija.“